UNSICHTBAR

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    Thomas Kriegisch | Im Lockdown verblasst die Kunst ins Unsichtbare 



    Warum der Künstler Dieter Hansmann seit Januar seine Bilder weiß übermalt und auslöscht



    Wenn Künstler ihre Bilder überpinseln, zerkratzen oder zerschneiden, Gemälde schreddern, Skulpturen verbrennen oder das Werk sich selbst zerstören lassen, dann steckt dahinter in den meisten Fällen ein ästhetisches Programm, ein Ausdruck der Gesellschaftskritik – oder manchmal auch ein Akt der Enttäuschung. Irgendwo dazwischen bewegt sich derzeit der Nordhorner Künstler Dieter Hansmann:


    In seinem radikalen Projekt „Unsichtbar“ hat er seit Januar bereits 50 seiner Leinwandgemälde in Keilrahmen übermalt und somit nahezu ausgelöscht, um auf die schwer erträgliche Lage der freischaffenden Künstler im Winter-Lockdown der Corona-Pandemie aufmerksam zu machen.



    Was weiß der Ausstellungsbesucher überhaupt von der Einsamkeit des Künstlers vor seinem Werk? Vermutlich nicht viel. Und was weiß die Öffentlichkeit davon in einer Zeit, in der ein Lockdown seit Monaten die Galerien verschließt und Ausstellungen unmöglich macht? Wahrscheinlich gar nichts. Kein Bereich ist mit  der Corona-Krise derart rigoros aus dem öffentlichen Leben verdrängt worden wie die Kultur. Ob darstellende oder bildende Kunst: Ohne Bühne, Galerie und Publikum ist sie nahezu gar nicht existent – oder eben „Unsichtbar“, wie Hansmann sein Projekt zur lähmenden Pandemie nennt, das er als eine „situativ angemessene Präsentation jenseits gängiger Ausstellungsmodalitäten“ betrachtet. Und in dem es um nichts anderes geht, als „das mehr oder weniger eindeutige Auslöschen der Bilder“.



    Der Winter-Lockdown lässt Hansmann besonders schmerzhaft spüren, dass die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler erheblich eingeschränkt und ohne Ausstellungen aus Öffentlichkeit und Alltag verdrängt worden ist. „Der Arbeit an herkömmlichen Projekten ist ohne Präsentationsmöglichkeiten der Boden entzogen“, sagt er – und antwortet mit seinem Projekt „Unsichtbar“ in einer gleichermaßen drastischen Art und Weise auf die schwer erträgliche Situation freischaffender Künstler. Denn Hansmann will sich von der Krise nicht lähmen lassen und trotzdem künstlerisch produktiv sein: Gerade weil Kunst einen Ausdruck gegen widrige Bedingungen formulieren kann, gerade weil Kunst grundsätzlich die aktuelle gesellschaftliche Realität widerspiegeln kann. Diese Realität empfindet Hansmann derart extrem, dass er sich dementsprechend radikal in seinem künstlerischen Projekt mit ihr auseinandersetzt. „Als Zeichen für die künstlerische Isolation und Sprachlosigkeit während des Lockdowns lasse ich seit dem 1. Januar täglich eine meiner im Bestand befindlichen Malereien unsichtbar werden, indem ich ein Bild mit weißer Farbe grob übermale“, berichtet er im GN-Gespräch: „Wie der Lockdown Isolation, Unsichtbarkeit und Sprachlosigkeit hervorbringt, so formuliert das Projekt ein malerisch-künstlerisches Äquivalent: Bestehende Bilder verschwinden, werden unsichtbar und es verbleibt lediglich eine diffuse Erinnerung, die als Kunstwerk nichts Greifbares berichtet, also schweigt, nur das Verschwinden von Bildern konkret werden lässt.“ 


    Wie ein Gärtner, der im Spätherbst das Laub als welken Abgesang eines üppigen Sommers aus seinem Garten harkt, geht der 65-Jährige seit Anfang des Jahres „wie mit einem Rechen“ durch sein gut gefülltes Archiv und wählt Bild um Bild zur Übermalung aus. Angefangen bei Studentenwerken aus den späten 1970er-Jahren hat sich Hansmann mittlerweile bis zu Leinwänden vorgearbeitet, die bereits in Ausstellungen im Stil hochästhetischer Abstraktion das Publikum in den Bann zogen und seitdem im Keller lagern. Unweigerlich führt dieser bewusste Trennungsprozess ihn auch zum klärenden Blick auf sein Gesamtwerk und die kunstbiografische Relevanz einzelner Arbeiten. In seinem letzten Vor-Corona-Projekt hatte Hansmann noch 30 Gemälde mit unmittelbarem Bezug zu seinem Lebensmittelpunkt Nordhorn und der Grafschaft Bentheim geschaffen. In der Einsamkeit des Lockdowns fehlt es ihm nun an Impulsen und Betrachtern, was die gestalterische Energie dämpft. In dieser Situation werden ihm die reine Übermalung, die Abstraktion und die Verschmelzung unterschiedlicher Bildebenen zu seinen letztlich verbliebenen bildnerischen Mitteln. 


    Dabei beanspruchen die weiß getünchten Gemälde keine gestalterische Qualität mehr: „Es geht um das mehr oder weniger eindeutige Auslöschen der Bilder.“ Denn nur noch in der konkreten Auseinandersetzung mit dieser „Unsichtbarkeit“ sieht Hansmann für sich derzeit eine Chance, glaubhaft weiter künstlerisch arbeiten und mit dem ungewöhnlichen Projekt ein Bild der Gegenwart schaffen zu können. Jede nicht museal konservierte Kunst hat ihr natürliches Verfallsdatum. Dass Künstler ihre Werke zerstören, zerschneiden, verdrecken, übermalen, mit Säure zersetzen oder die Farbe von der Leinwand schrubben, ist kein seltenes Phänomen. Mal stecken künstlerische Strategien dahinter, mal gestaltet sich die Zerstörung als inszenierter künstlerischer Akt, als Konzept einer autodestruktiven Kunst oder als provokantes Happening. Auch andere Wege als künstlerische Programmatik führen zur Zerstörung von Kunst – etwa in der Dramatik einzelner Biografien, wenn Verbote, Selbstzweifel oder öffentlicher Missachtung in der Vernichtung des eigenen Werkes münden. Hansmanns außergewöhnliches Projekt „Unsichtbar“ soll hingegen als eine Art Konzeptkunst „aktiv und direkt als künstlerischer Akt darauf verweisen, welche sozialen Beschränkungen die Pandemie mit sich bringt“. 



    Vor Ort will Hansmann, 1955 in Einbeck geboren, von 1986 bis 2019 Kunsterzieher am Gymnasium Nordhorn und einer der relevanten Gegenwartskünstler der Region, „um Beachtung und diskursive Auseinandersetzung mit der Situation der Künstler werben“. Hinter diesem Appell verbirgt sich auch eine gewisse enttäuschte Erwartung an Museen oder Galerien, sich in der misslichen Lage des gänzlich stillgelegten Kulturbetriebes nicht mit Schließungen zu begnügen, sondern nach angemessenen Präsentationsformen zu suchen. Denn auch in der Kunst gilt: The show must go on!




    Thomas Kriegisch in den Grafschafter Nachrichten vom 26.2.2021




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